Kürzlich, letzten Sonntag – es war ein schöner, sonniger Sonntag, ein Sonntag, wie er im Buche steht – waren wir zu Gast in der WDR-Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“. Wir bedanken uns nochmals sehr herzlich für die Chance und bei allen, die dazu beigetragen haben! Tina, Anke, Elke sowie Pünktchen und Hugo haben uns würdig vertreten und kamen super sympathisch rüber, so sympathisch, dass diverse Social Media Posts rege gelesen und kommentiert wurden.
Das ist toll.
Reichweite und Sichtbarkeit ist sehr wichtig für uns. Wir waren übrigens auch mit einem Artikel im Magazin „DOGS“ und wir haben in einem interessanten Hunde-Podcast Rede und Antwort gestanden.
Also sehr viel reichlich Reichweite.
Nun ist es ein, zwei Wochen später.
Man sollte meinen, nach dem ganzen Medienheckmeck wären auch alle Hunde auf unserer Seite vermittelt, weil wir uns vor den ganzen superdupersten Interessenten kaum retten können. Ja, Interesse gab es. Telefoniert haben wir eine Menge. Gemailt und gepostet auch. Vermittelt haben wir… einen Hund. Okay, es gibt noch Interessenten, so schnell geht das bei uns ja bekanntlich alles nicht. Entscheidungen brauchen Zeit.
Kommentare gab es viele, über 350 Stück. Das ist eine Menge. Viele waren leider eher doof. Auch am Telefon wollten einige sicher wohlmeinende Menschen lieber Grundsatzdiskussionen führen, als irgendwem zu helfen, außer dem eigenen seelischen Befinden. Manchmal hilft es ja, sich auszukotzen, verbal oder schriftlich (sehen Sie mich an: Ich muss das auf diese Weise verarbeiten. Weil: Sonst trete ich aus dem Verein aus. Und dann kriegt ihr keine Updates mehr, keine Social Media Posts und keine Newsletter mehr, und das kann ja auch nicht das Ziel sein.)
Wir hier machen das aus Gründen. Zum einen, weil’s irgendwie ziemlich geil ist, Tieren, die offenbar komplett unsichtbar mitten unter uns leben, zu einem LEBEN zu verhelfen. Und keine Sorge, wir lassen uns das nicht miesmachen. Wir hören damit nicht auf. Wahrscheinlich werden wir noch aus dem Sarg heraus einen letzten Hund vermitteln, weil es nämlich, und da schließt sich nun ein Kreis, diese Hunde noch eine ganze Weile geben wird. (Hoffentlich auch die Laborbeagle-Hilfe-Vereine, die sich kümmern.) Einige Kommentare bei Facebook und Instagram ...
...haben wir gelöscht, weil sie zu sehr unter die Gürtellinie gingen. Offene Beleidigungen in sozialen Netzwerken sind nicht unser Stil. Wir wollen das nicht auf unseren Seiten haben.
Da schreiben wir ich schon eher eine Kolumne.
Das tuen wir ich hiermit mal wieder. Nach der kleinen Evaluation nun noch ein kleiner Reminder, frei nach Wikipedia: Eine Kolumne ist ein kurzer, regelmäßig erscheinender Meinungsbeitrag, verfasst von einem festen Autor (Kolumnist). Sie dient der Unterhaltung, Information oder Meinungsbildung, oft zu Alltagsthemen oder Politik. Typisch sind Subjektivität (die persönliche Meinung des Autors steht im Vordergrund), ein unverwechselbarer Schreibstil und die Platzierung an gleicher Stelle, sowie eine gewisse Kürze. Das mit der Kürze vergessen Sie bitte mal gleich wieder, wir sind ja hier nicht bei der Zeitung, aber das mit der Meinung und dem Stil ist wichtig: Machen Sie nicht den Vorstand oder das Team für meine Texte verantwortlich.
Gut. Sollten Sie noch da sein: Jetzt geht es los.
Wenig regt so sehr auf wie das Thema Tierversuche. Schreiben Sie irgendwo bei Facebook was über ein Versuchstier, das nicht Maus oder Ratte oder Nacktmull ist, und schon rennt man Ihnen die Bude ein. Dass Forschung an Spezies, die in unserer Hemisphäre als Haustier gelten, das absolute Trigger-Thema ist, haben wir gerade mal wieder gemerkt. Nicht nur an den hunderten von Kommentaren allerorten, sondern auch an den vielen Nachrichten, die uns erreicht haben. Der Tenor ist aber leider nicht: Was kann man tun oder wie kann man helfen, sondern: Warum tut ihr nichts dagegen, warum gibt es das immer noch und ich wusste davon nichts.
An der Stelle eskaliert die Sache dann meistens ein bisschen. Vorurteile werden postuliert („lasst das sein! Für jeden Hund, den ihr rettet, rückt ein anderer nach!“ – die Labore würden sich totlachen, wenn sie auf die wenigen Entlassungen warten müssten, um Platz für neue Hunde zu bekommen. Hunde sind dort hundertfach. Und Platz ist genug). Irgendwo Aufgeschnapptes schlägt Unwissen („es gibt so viele gute Alternativen!“ – ja, aber nicht für alles). Wut kollidiert mit Hilflosigkeit („da arbeiten doch nur Sadisten!“ – äh, nein, Leute, so läuft das da nicht). So richtig geht uns der Hut hoch, wenn jemand aus dem Tal der Ahnungslosen schreibt, man möge doch bitte Menschen statt Tiere nehmen, gern Triebtäter oder andere, die, drücken wir es mal sachlich aus, den Staat mit Strafvollzug belasten.
Hallo?!
Leider ist die Aufmachung des Social-Media-Beitrags mit veralteten, polarisierenden und / oder auch einfach falschen Infos garniert, was uns denken lässt, dass die Recherche zu diesem Thema ein wenig… nun ja, eilig durchgeführt wurde. Doch wäre Forschung und alles, was damit zusammenhängt, transparenter (in einem verträglichen Rahmen, denn bereit sind die Menschen dafür eindeutig nicht), gäbe es nicht jedes Mal so ein Gedöns.
Zum Beispiel ist die Rede von einem „Institut für Tierversuche“. So etwas gibt es in Deutschland nicht. Forschung mit Tieren wird von Hochschulen und Universitäten, Pharmaunternehmen und Auftragnehmern für bestimmte Fragestellungen betrieben, und da wir schon dabei sind, halten wir es doch mal mit einem schönen polizeilichen Grundsatz, der da lautet: „Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz“.
In Deutschland sind Tierversuche unter bestimmten Bedingungen nicht nur erlaubt und sogar erwünscht, sondern gesetzlich vorgeschrieben. Nämlich, wenn sie für die Entwicklung und Sicherheitsprüfung von Medikamenten, Medizinprodukten sowie zur Chemikalienregistrierung (REACH-Verordnung) zwingend erforderlich sind. Diese Tests dienen der Zulassung und Unbedenklichkeitsprüfung.
Tierversuche unterliegen Genehmigungsverfahren und sind nur zulässig, wenn sie unerlässlich sind, ein ethisch vertretbarer Zweck vorliegt und keine Alternativmethoden existieren. Zwingend vorgeschrieben sind Tierversuche vor der Marktzulassung neuer Wirkstoffe in der Human- und Tiermedizin sowie für Toxizitätsprüfungen von Chemikalien. Seit 2013 ist bei uns ein Tierversuchsverbot für Kosmetika in Kraft. Auch für Waschmittel und Rüstungsgüter sind Versuche verboten. Es ist weiterhin gesetzlich verankert, Versuche zu vermeiden (replace), zu vermindern (reduce) und zu verfeinern (refine).
Tierversuche werden gern über den kosmetischen Kamm geschoren, und was wir eigentlich damit sagen wollen, ist: Forschung an sauteuren Hunden (und Katzen!) macht man nicht für Peanuts. Nicht für die siebenunddrölfzigste Kopfschmerztablette und schon lange nicht mehr für kosmetische Benefits, und bei aller Gewinnabsicht von Wirtschaftsunternehmen, die man natürlich auch nicht aus den Augen verlieren darf: aus Jux und Dollerei auch nicht.
Diese Aussage gilt für Deutschland. Woanders wird geforscht in alle Richtungen und mit allem, was man sich vorstellen kann. oder auch nicht. Deshalb seien wir doch alle mal ein bisschen dankbar dafür, dass wir leben, wo wir leben, und dass es hier so ist, wie es ist. Klar muss man darüber reden. Dinge verbessern, hinterfragen, neu denken. Und klar kann man die Tierversuche auch abschaffen. Die Firmen schließen. Die Auflagen erhöhen. Die Fachbereiche verändern. Dann werden die Versuche eben woanders gemacht, und denken Sie wirklich, in Ungarn, Kasachstan oder China ist der Tierschutz besser? Was glauben Sie: wie viele Länder haben überhaupt Tierschutzgesetze? Und wie viele Länder haben mittlerweile ein Kölner Modell, das vor über zwanzig Jahren dazu führte, dass Labortiere in private Hände gegeben werden können? Nicht viele. Egal. Aber „aus den Augen, aus dem Sinn“ ist ja ein gerne genommenes Muster.
Im Umkehrschluss heißt das, dass wir alle jeden Tag ganz viel dazu beitragen, dass es bei uns Tierversuche gibt. Nehmen wir wieder das weite Feld des Drogeriemarktes: Trotz des Verbots für Kosmetika können Inhaltsstoffe, die auch in anderen Bereichen Anwendung finden (-> Chemikalienrecht), im Rahmen bestimmter Verordnungen an Tieren getestet werden. Schauen Sie doch einfach mal kurz in Ihr Bad, was es da so alles gibt, und welche Markennamen vorherrschen. Und wo die Produkte herkommen.
Tja.
Also hören wir auf zu heulen, und tun lieber etwas. Gern etwas Sinnvolleres, als generischen Trash unter unausgegorenes Zeug zu schreiben, das die meisten von uns sowieso nicht durchdringen. Aber andererseits, hey: Warum sollte es jemand unterlassen, einen Kommentar abzugeben, nur weil man sich mit dem Thema weder auskennt noch näher beschäftigen will. Man kann über Ethik diskutieren, aber bitte nicht auf einem Niveau, dass Mitarbeiter als Psychopathen und unwissenden Vollpfosten verunglimpft. Und sagen Sie, was Sie wollen, aber über Tierversuche mit Nagern weiß eigentlich jeder Bescheid, und auch das mit den Affen hat sich rumgesprochen. Aber wem sind schon Affen nahe. Oder Ratten. Dass es Hunde und Katzen gibt, Pferde und niedliche Minischweine, die für uns und unsere heißgeliebten Tiere genau dieser Spezies ihr Leben geben, findet man irgendwie weitaus blöder.
Also, was tun? So als Einzelner?
Vermachen Sie Ihre sterblichen Überreste der Wissenschaft! Vermachen Sie Ihre Angehörigen der Wissenschaft (Einverständnis vorausgesetzt, versteht sich.) Oder wenigstens Ihre Haustiere. Begeben Sie sich in eine klinische Studie! Das ist der einzige Menschenversuch, der okay ist. Was sagen Sie? Das ist mit Unpässlichkeiten aller Art verbunden? Risiken und so? Und Sie könnten daran sterben? Huch, ja, schade.
Dann seien Sie halt einfach kerngesund. Und wenn nicht, nehmen Sie eben ungetestete Wirkstoffe. Wen kümmern schon Nebenwirkungen. In der Pandemie hatten die Leute Angst vor den Impfstoffen. Warum? Weil sie recht schnell entwickelt werden mussten. Menschen sind Opportunisten.
Kriegen Sie vor allem keinen Krebs! Und auch keine Herzerkrankung. Oder was Neurologisches. Und bitte keine Allergie! Werden Sie problemlos schwanger! Und wenn Sie es dann endlich sind: Bringen Sie Ihr Kind ja nicht mit einem Gendefekt zur Welt.
Nun aber mal weg von uns wehleidigen Zweibeinern. Fangen wir bei der Ernährung an. Tierhalterforen quellen über vor Experten in Bezug auf Tierfutter. Was denken Sie, wie wird das alles entwickelt? In Petrischalen? Oder irgendwas gegen Parasiten. Infektionen. Seitdem das Penicillin erfunden wurde, hat sich einiges getan. Übrigens auch gegen Penicillin-Allergie.
Lassen Sie auch gern Ihren Tierarzt experimentieren! An Ihrem Tier. Ist ja sicher okay für Sie. Der hat ja studiert! Und kriegt Wissen und Erfahrung sozusagen als vollgepackten Rucksack mit auf den Weg, sobald er sich aufmacht in die Welt, um Ihr Haustier zu heilen. Da wird er Ihnen schon das richtige Medikament mitgeben. Die richtige Therapie vorschlagen. Wenn’s nicht funktioniert, kann man ja immer noch einschläfern.
Nichts für Sie dabei?
Tja, dann müssen wir wohl leider doch dem Gesetzgeber folgen. Aber gehen Sie doch mal wählen!
Okay, wir wollen jetzt wieder lieb sein. Schütteln wir uns doch alle den Muff aus der Birne und informierten uns mal. Das kann man nämlich!
Und ansonsten: Entlastet das System. Geht Blut spenden.
Werdet Organspender.
Oder ernährt euch wenigstens vernünftig.
Kauft die richtigen Produkte! Hinweise darauf, was das sein könnte, gibt's im Netz.
Oder macht doch mal was Ehrenamtliches. Egal, was. Seid Vorbild. Checkt euren Lebensstil. Hinterfragt. Überprüft. Quatscht nicht einfach alles nach. Äußert eure Meinung. Zeigt Haltung. Werdet aktiv. Sozialer Wandel ist ein langfristiger Prozess, der sich über Jahre, Jahrzehnte oder sogar Generationen erstreckt. So ähnlich ist es auch mit den Tierversuchen, aber angefangen hat mit dem Wandel irgendwann einmal ein einzelner Mensch. Einfach mal machen. Wie sagt man so schön: Entweder es wird cool, oder es wird eine Erfahrung. Man bricht sich ja keinen Zacken aus der Krone, wenn man mal guckt, wer alles tierversuchsfreie Duschgels anbietet. Bei Medikamenten gegen schreckliche Krankheiten ist die Sache schon etwas schwieriger, aber vielleicht kann man ja als Patient auch etwas tun. Womöglich etwas ... na ja, zurückgeben.
Wir hier, bei der LBH, haben nicht die Macht, die Landschaft aus Forschung und Gewinnstreben zu verändern oder für die Abschaffung von Tierversuchen zu sorgen. Jedenfalls nicht mehr als ihr, zum Beispiel anhand der oben vorgeschlagenen Dinge. Im Gegensatz zu den meisten anderen haben wir (und ihr, die ihr euch für unsere Arbeit interessiert) aber die Macht, diese Hunde aufzunehmen. Auch, wenn es nur 100 oder 150 im Jahr sind. Und die anderen 2700 bei der Sache auf der Strecke bleiben. Auf die Straße zu gehen und mächtig Tamtam zu machen, ist weder unser Job noch unsere Sache. Wir sind, bedingt durch den Schutz bestimmter Rechte, dem ein Verein wie unserer entsprechen muss, ziemlich begrenzt in unseren Möglichkeiten, aber…
Welche Macht haben Sie eigentlich? Na, die des Konsumenten. Des Wählers.
Das ist besser als nichts. Und wenn sonst nichts geht, denken Sie doch über die Adoption eines Hundes nach. Oder über eine Spende. Sie darf auch klein sein, Sie wissen ja: irgendwo muss man anfangen. Sie können aber auch einfach mal ein bisschen gute Information weitergeben. Und nicht noch vierzig Likes bei einem Kommentar hinterlassen, der zu nichts führt.
Kommen wir (ja, ich weiß, endlich) zum Schluss. Nur der Vollständigkeit halber und nur, um es nochmals klarzustellen: Wir sind gegen Tierversuche. Aber man kann auch gegen etwas sein und trotzdem die Nerven behalten. Wir würden mit großer Freude und einer Riesenparty unseren Laden zumachen, wenn es keine Hunde mehr in Versuchsinstituten gäbe. Es gibt Alternativen, es hat sich schon viel getan, man arbeitet daran. Wir wissen auch, dass man Dinge nicht ohne Weiteres vom Tier auf den Menschen übertragen kann. Tiere sind keine Menschen. Vielleicht könnte man auch einfach die Kirche im Dorf lassen und sehen, dass wir so richtig weit eben noch nicht sind. Was soll man bis dahin tun? Schieben wir das wichtige Medikament noch mal raus? Zehn Jahre oder so. Halten die Leute bis dahin durch?
Naja, irgendwas ist halt immer.
