
...
aus unserem Vermittlungsalltag
von Iris Alberts
Pipi ist keine Name...
Haben Sie schon einmal
über ihr Verhältnis zu Urin nachgedacht?
Wenn nicht, tun Sie es jetzt. Tun Sie es auf jeden
Fall, BEVOR Sie sich entscheiden, einem Hund aus
dem Labor ein Zuhause zu geben.
Wir haben es nie verschwiegen und wir wiederholen
uns gerne:
Laborhunde sind NICHT STUBENREIN,
wenn sie aus dem Labor entlassen werden. Wir können
Ihnen auch keine ernsthafte Prognose geben, wie
lange es dauern wird, bis der Hund sich zuverlässig
außerhalb der Wohnung löst. Einige
Hunde schaffen es in wenigen Tagen, andere brauchen
Monate.
Wenn es mal etwas länger dauert, bedeutet
das nicht zwangsläufig, dass Sie etwas falsch
machen. Manchmal braucht es Geduld.
Sie finden das alles selbstverständlich und
fragen sich, warum das das Thema der Kolumne ist?
Für Sie ist das kein Problem, weil Sie überall
Fliesen und/oder Laminat haben? Gut, das hören
wir gerne.
Was aber macht Sie sicher, dass Sie Ihre Meinung
nicht ändern, wenn der Hund auch 4 Wochen
nach dem Einzug während des einstündigen
Spaziergangs tapfer einhält, um danach Ihre
Küche zu fluten?
Oder, wenn er, besonders heimtückisch und
ausschließlich in der Absicht, Sie mit diesem
„Protestpinkeln“ zu terrorisieren,
nicht den Fliesenboden, sondern sein Körbchen
zur Toilette umfunktioniert? Oder, noch schlimmer,
Ihr Sofa???
Wie lange sind Sie bereit, kommentarlos zu wischen
und zu waschen? Wann platzt Ihnen der Kragen und
was passiert dann?
Die einzelnen Eskalationsstufen könnten so
aussehen:
Nach 4 Wochen:
Sie betreten einen Raum und bekommen nasse Socken.
Der Hund liegt in seinem Körbchen und sie
sind sicher, dass er Sie schuldbewusst ansieht.
Sie grummeln: „Oh nein, nicht schon wieder“,
nehmen die Küchenrolle, entsorgen das Malheur,
gehen zum Hund und halten ihm in erstem Tonfall
einen wortreichen Vortrag über Stubenreinheit.
Nach 6 Wochen:
Sie wollen Ihren Hund in flagranti erwischen und
liegen auf der Lauer. 2 Stunden lang passiert
nichts. Der Hund schaut unschuldig aus der Wäsche.
Dann gehen Sie kurz zur Toilette. Kaum 2 Minuten
später ist es passiert: die Pipilache verteilt
sich gleichmäßig über Ihre Fliesen,
der Hund ist weit und breit nicht zu sehen. Sie
haben soeben 2 Stunden Zeit in den Sand gesetzt,
sind stocksauer, begeben sich auf die Suche nach
Hund, finden ihn und brüllen ihn an. Ihr
Hund entfernt sich im Rückwärtsgang
und schleicht in sein Körbchen. Sie gehen
wischen.
Nach 8 Wochen:
Das Pipi-Thema beherrscht Sie voll und ganz. Sie
wachen morgens mit dem Gedanken an Pfützen
auf und schlafen abends damit ein. Sie haben das
Gefühl, der Hersteller der Küchenrollen
hätte ohne Ihre unfreiwillige Unterstützung
längst Konkurs anmelden müssen. Sie
sind nicht länger bereit, das hinzunehmen.
Es gibt Momente, in denen Sie sich eingestehen,
dass Sie den Hund nicht mehr mögen. Sie verstehen
nicht, warum er es Ihnen so schwer macht und keine
Spur Mitleid aufbringt, wenn Sie auf Knien hinter
ihm herwischen. Das ist ja nicht Ihr erster Hund!
Bei allen anderen ging es schneller und besser.
Sie erinnern sich daran, dass die Hunde Ihrer
frühen Kindheit zu Erziehungszwecken mit
der Nase in ihren Urin gesteckt wurden. Natürlich
wissen Sie, dass die Methode überholt ist
und die Hunde Ihrer Kindheit nicht WEGEN, sondern
TROTZ derartiger Maßnahmen irgendwann sauber
waren. Aber haben Sie eine andere Wahl? Sie vergessen
all Ihre Vorbehalte und machen es beim nächsten
Mal genau so. –
Es überrascht Sie nicht wirklich, dass der
gewünschte Erfolg ausbleibt. Sie sind verzweifelt.
Sie haben nun die Möglichkeit, den Hund abholen
zu lassen. Das hat den ein oder anderen Vorteil.
Der Ammoniak-Geruch aus ihrer Wohnung verschwindet,
Sie haben im Supermarkt Platz im Einkaufswagen,
der nicht mehr mit Großpackungen Küchenrolle
gefüllt ist, Sie sparen Geld, Zeit und vor
allem Nerven. Ganz weit hinten im Kopf bleibt
vielleicht das unangenehme Gefühl, gescheitert
zu sein, aber Sie werden diese unerfreuliche Episode
vergessen und sich in einem hygienisch einwandfreien
Umfeld wieder den schönen Dingen des Lebens
zuwenden.
Vielleicht gelingt es Ihnen aber auch, Ihre Urin-Fixierung
zu überwinden, den Hund als ein Wesen zu
begreifen, das noch lernt und zu erkennen, dass
er schon so Vieles gelernt hat. Vielleicht können
Sie dann wieder Pfützen beseitigen, ohne
am Sinn des Lebens zu zweifeln. Und dann, weitere
vier Wochen später, stellen Sie verwundert
fest, dass es schon fünf Tage her ist, dass
Ihr Hund zuletzt ins Haus gepinkelt hat. Sie haben
gelernt, zu erkennen, wenn er mal raus muss. Nein,
er bringt Ihnen noch immer nicht die Leine und
sitzt auch nicht demonstrativ vor der Tür,
aber er wird unruhig und stupst Sie mit der Nase
an. Sie sind mächtig stolz auf Ihren Hund
und auf sich. Es ist vollbracht.
Wir wünschen Ihnen einen entspannten Umgang
mit dem Urin-Thema!