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 Laborbeaglehilfe e.V.
 z. Hd. Gisela Wertich
 Keilerweg 1
 D - 35428 Langgöns
 

Der Killer-Beagle

Die Vorgeschichte:

Wie vor einiger Zeit auf unserer Seite berichtet, hatte sich ein Forschungsinstitut in Ungarn glücklicherweise entschlossen, erstmals 14 Laborbeagle in die wohlverdiente Freiheit zu entlassen. Angesichts dieser plötzlichen Hundeschwemme bat uns eine ungarische Tierschützerin um Hilfe. Natürlich waren wir sofort bereit, aktiv Unterstützung zu leisten. Wir setzten also die Beagle sofort auf unsere Internetseite und griffen auch organisatorisch, z.B. in Form von Telefonfragebögen für Gespräche mit Interessenten den ungarischen Tierschützern unter die Arme. Danach hörten wir längere Zeit nichts mehr von den Hunden. Inzwischen wissen wir: Der größte Teil der Hunde konnte im Nachgang in Ungarn abgegeben werden, eine kleinere Gruppe landete in österreichischen Haushalten, zwei Beagle wurden nach Deutschland vermittelt.

Rudis lange Reise:

Einige Wochen später erhielten wir einen Notruf. Ein 8 Jahre alter Beaglerüde namens Rudi war in eine Familie in Bielefeld vermittelt worden. Die bereits vorhandene Hündin war nicht bereit, ihre Ressourcen mit dem Neuankömmling zu teilen und verhielt sich sehr zickig und abweisend dem Konkurrenten gegenüber. Ergebnis war, dass die Familie sich nicht für kompetent genug hielt, mit der über 3 Tage eskalierenden Situation angemessen umzugehen und fertig zu werden. Also: Rudi sollte weg ! Dies hätte bedeutet: zurück nach Ungarn. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts von Rudi. Als wir kurze Zeit später diese Information bekamen, boten wir den ungarischen Tierschützern an, Rudi zu übernehmen und an einen unserer Interessenten zu vermitteln, der gerne einen älteren Beagle haben wollte. Dem wurde von ungarischer Seite dankenswerter Weise schnell zugestimmt. Weil die Interessenten noch im Urlaub waren, entschlossen wir uns, Rudi vorerst in eine Pflegestelle zu bringen und nach der Rückkehr die Interessenten zu fragen, ob Rudi der geeignete Hund für sie wäre.

Wenige Stunden nach Rudis Umzug in die Pflegestelle erreichte uns ein erneuter Notruf. Rudi hätte grundlos und unvorhersehbar den Mann des Hauses attackiert, der sich nicht mehr ins Haus traute und nun im LKW übernachten musste. Außerdem sei er ansatzlos auf den Nachbarn los gegangen und hätte ihn angegriffen. Begründung: Der Hund hat einen Hass auf bärtige Männer. Ehrlich gesagt: das konnte ich nicht glauben. In der jahrelangen Vermittlung von Beaglen habe ich viermal erlebt, dass ein Beagle geschnappt (wohl gemerkt: nicht gebissen) hat: Einmal nach wochenlangen Störungen im Schlaf durch die Kinder des Haushaltes, ohne dass die Eltern eingegriffen hätten, einmal, nachdem der Hund wochenlang immer wieder durch ein Kind mit einer Gabel traktiert wurde, wieder ohne Eingreifen der Eltern, einmal aus extremer Angst und in eine Ecke gedrängt, und einmal gegenüber anderen Hunden zur Verteidigung des eigenen Napfes. In jedem dieser Fälle hatten die Beagle zuvor vielfach und in vielfältiger defensiver Art und Weise durch ihr Verhalten gezeigt, dass sie nicht mögen, was mit ihnen gemacht wird, dass sie sich extrem unwohl fühlen oder dass sie große Angst haben. Fazit aber war auch hier wieder: Rudi sollte gehen – und zwar innerhalb von Stunden. Jetzt hatten wir ein Problem: Nach Ungarn zurück sollte Rudi nicht, auf eine normale Pflegestelle oder in eine neue Familie kann ein Hund mit einer solchen Wesensbeschreibung auch nicht sofort vermittelt werden. Eine schnelle Entscheidung musste getroffen werden ! Also entschieden meine Frau und ich uns, den Hund vorübergehend in unsere Meute aufzunehmen.

Im Laufe der Jahre habe ich etliche Beagle erfolgreich therapiert, die in unterschiedlichem Maße ängstlich waren. Außerdem habe ich durch meinen Beruf als Diplom – Psychologe einige Erfahrung, was Verhaltensänderung betrifft. Trotzdem war meine Erfahrung begrenzt, was den Umgang mit aggressiven Hunden angeht. Vorab versicherten wir uns deshalb der möglichen Unterbringung von Rudi bei Michael Grewe von Canis, erfahrener und bekannter Hundetrainer seit Jahrzehnten, und der Unterstützung von Barbara Schöning, ehemalige Vorsitzende der Tierärztekammer in Hamburg, Autorin mehrerer Standardwerke über Hundeverhalten und als Trainerin und Therapeutin in Deutschland, England und den USA tätig. Danach organisierten wir den Transport nach Hamburg.

Rudis Ankunft:

Nachdem Rudi sich auf dem Transport in seiner Box ruhig und friedlich verhalten hatte, kam er schließlich bei uns zuhause an. Ich selbst hatte mich inzwischen vorbereitet: Die Tuchhose gegen eine dicke Lederhose von Barbour für herbstliche und winterliche Hundespaziergänge ausgetauscht. Da dringt kein Beaglezahn durch ! Außerdem die Hausschuhe gegen Knöchel hohe Arbeitsschutzschuhe mit Stahlkappe vorn und hinten gewechselt. Falls der Hund in die Schuhe beißt, würde ich das nicht merken. Und mich innerlich gewappnet, dass ich gleich angegriffen werde. Dann einmal kräftig durchgeatmet und die Tür der Transportbox geöffnet, aus der jetzt gleich die 15 Kg – Kampfmaschine geifernd auf mich zu toben musste.

Und tatsächlich – da kam er ! Ein rot – weißer Beagle - Hänfling von 8 Kg Gewicht purzelte aus der Box und nahm quasi sofort eine deutliche Demutshaltung ein. Mir war nach wenigen Augenblicken klar: Dieser Hund ist nie und nimmer bösartig und extrem aggressiv. Also setzte ich mich neben den Hund, ohne direkten Augenkontakt und zeigte einige hündische Beschwichtigungssignale, z.B. lautes Gähnen. Kurz danach begann Rudi, die Wohnung zu erkunden. Ich selbst ging immer wieder möglichst nah an Rudi vorbei, um seine Reaktion zu testen. Als auch hier keinerlei negative körpersprachliche Reaktion des Hundes auf meine Annäherung erfolgte, gab ich ihm schließlich von unten kommend meine Hand zum Schnuppern, bevor ich Rudi schließlich das erste Mal vorsichtig seitlich unter den Ohren an den Wangen kraulte. Etwas später fasste ich sanft seine Oberschenkel hinten an und kraulte ihn dort, immer beobachtend, wie er reagiert. Dieser Hund war absolut friedfertig. Also zog ich meine Sicherheits -ausrüstung wieder aus und wir führten unsere Meute (2 Beagledamen, 4 und 10 Jahre alt, und zwei Francais Tricolore - Rüden, 4 Jahre alt) und Rudi zusammen. Selten wurde ein Neuankömmling in unserem Rudel so schnell aufgenommen und integriert ! Rudi erwies sich als sehr gut sozialisiert und höflich, zeigte keinerlei Machtansprüche und erwies insbesondere unserem großen Rüden Grobi und unserer älteren Leithündin Püppi – Lotta, die offensichtlich hoch erfreut war, einen älteren Rüden kennen zu lernen statt sich immer mit dem Jungvolk herum zu schlagen, die erforderlichen Ehrenbezeugungen. Kurzum – dieser Hund war schlau und machte alles richtig. Das Ergebnis war, dass er noch am selben Abend auf dem Sofa schlafen durfte (keine Selbstverständlichkeit !), mitten im Rudel, angekuschelt wahlweise an Grobi oder Püppi – Lotta. Außerdem bekam er noch am selben Abend einen neuen Namen: Pommes – rot – weiß !, Rufname Pommes oder Pombär oder Pommeroy.

Unseren Beratern Michael Grewe und Barbara Schöning konnten wir noch am selben Abend Entwarnung geben. Ein von Barbara am nächsten Tag durchgeführter Wesenstest ergab ebenfalls, dass Pommes auf bedrohliche Verhaltensweisen von Menschen mit Rückzug und danach vorsichtiger Wiederannäherung reagiert und in keinem Fall mit Aggression. Ein vom Forschungsinstitut mit gegebener Verhaltenstest mit Beurteilung verschiedener Persönlichkeitseigenschaften des Hundes bestätigte (nach der Übersetzung aus dem Ungarischen in deutsche Sprache) diese Befunde vollkommen.

In den folgenden Tagen erwies sich Pommes als ein sehr schlauer Hund, der schon einige Befehle in seinem vorherigen Laborleben gelernt hatte und sich andere Verhaltensweisen schnell von seinen neuen Rudelmitgliedern abguckte, vornehmlich die, die ihm Aufmerksamkeit, Streicheleinheiten und Leckerlies bescherten. Insbesondere seine Sanftmütigkeit und Kuschelfreude sind bemerkenswert. Innerhalb einer Woche wuchs uns Pommes so ans Herz, dass uns Tränen in die Augen stiegen beim Gedanken, ihn abgeben zu müssen. Dieser Beagle ist einer von tausend, d.h. du musst tausend Beagle kennen lernen, um einen solch feinen Charakter zu finden. Zu unserem und zu Pombärs Glück kam kurze Zeit später die Nachricht, dass auch Pommes Bruder Douglas noch ein Zuhause sucht. Dieses neue Heim hat er inzwischen bei unseren Interessenten für einen älteren Beagle gefunden, die offenkundig laut Rückmeldung glücklich mit ihm sind. So hat Rudi – Pommes lange Reise doch noch ein gutes Ende gefunden, über das wir uns verständlicherweise sehr freuen.

Fazit:

Was habe ich gelernt aus diesem Fall ?

  • Glaub nicht alles, was andere über einen bestimmten Hund erzählen ! Höre zu, behalte es im Hinterkopf, bereite dich entsprechend vor, aber bilde dir dein eigenen Urteil auf Basis deiner eigenen Erfahrungen mit Hunden statt allen Vor – Urteilen vorbehaltlos zu glauben. Und experimentiere, beobachte, wie der Hund auf welches Verhalten reagiert, und ändere dein Verhalten, bis du dem gewünschten Verhalten näher kommst.

  • Versichere dich vorsichtshalber der Unterstützung durch erfahrene Hundeexperten !

  • Beschäftige dich mit Hundeverhalten ! Lies Bücher, besuche Seminare ! Aber vor allem: Lerne die Sprache deines Hundes und rede mit deinem Hund in seiner Sprache ! Kommuniziere klar und für den Hund verständlich !

  • Der erste Schritt, einem Hund etwas beizubringen, ist, ihn für das Lernen vorzubereiten. Dafür ist meines Erachtens unverzichtbar, zunächst seine Angst abzubauen und sein Vertrauen zu gewinnen. Liebe, Geduld, das Entwickeln einer gemeinsamen Sprache und ein geregelter Tagesablauf sind dafür wichtige Bausteine. Der Rest ist Training.
 
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