Der Killer-Beagle
Die Vorgeschichte:
Wie vor einiger Zeit auf unserer
Seite berichtet, hatte sich ein Forschungsinstitut
in Ungarn glücklicherweise entschlossen, erstmals
14 Laborbeagle in die wohlverdiente Freiheit zu entlassen.
Angesichts dieser plötzlichen Hundeschwemme bat
uns eine ungarische Tierschützerin um Hilfe.
Natürlich waren wir sofort bereit, aktiv Unterstützung
zu leisten. Wir setzten also die Beagle sofort auf
unsere Internetseite und griffen auch organisatorisch,
z.B. in Form von Telefonfragebögen für Gespräche
mit Interessenten den ungarischen Tierschützern
unter die Arme. Danach hörten wir längere
Zeit nichts mehr von den Hunden. Inzwischen wissen
wir: Der größte Teil der Hunde konnte im
Nachgang in Ungarn abgegeben werden, eine kleinere
Gruppe landete in österreichischen Haushalten,
zwei Beagle wurden nach Deutschland vermittelt.
Rudis lange Reise:
Einige Wochen später erhielten
wir einen Notruf. Ein 8 Jahre alter Beaglerüde
namens Rudi war in eine Familie in Bielefeld vermittelt
worden. Die bereits vorhandene Hündin war nicht
bereit, ihre Ressourcen mit dem Neuankömmling
zu teilen und verhielt sich sehr zickig und abweisend
dem Konkurrenten gegenüber. Ergebnis war, dass
die Familie sich nicht für kompetent genug hielt,
mit der über 3 Tage eskalierenden Situation angemessen
umzugehen und fertig zu werden. Also: Rudi sollte
weg ! Dies hätte bedeutet: zurück nach Ungarn.
Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts von Rudi.
Als wir kurze Zeit später diese Information bekamen,
boten wir den ungarischen Tierschützern an, Rudi
zu übernehmen und an einen unserer Interessenten
zu vermitteln, der gerne einen älteren Beagle
haben wollte. Dem wurde von ungarischer Seite dankenswerter
Weise schnell zugestimmt. Weil die Interessenten noch
im Urlaub waren, entschlossen wir uns, Rudi vorerst
in eine Pflegestelle zu bringen und nach der Rückkehr
die Interessenten zu fragen, ob Rudi der geeignete
Hund für sie wäre.
Wenige Stunden nach Rudis Umzug
in die Pflegestelle erreichte uns ein erneuter Notruf.
Rudi hätte grundlos und unvorhersehbar den Mann
des Hauses attackiert, der sich nicht mehr ins Haus
traute und nun im LKW übernachten musste. Außerdem
sei er ansatzlos auf den Nachbarn los gegangen und
hätte ihn angegriffen. Begründung: Der Hund
hat einen Hass auf bärtige Männer. Ehrlich
gesagt: das konnte ich nicht glauben. In der jahrelangen
Vermittlung von Beaglen habe ich viermal erlebt, dass
ein Beagle geschnappt (wohl gemerkt: nicht gebissen)
hat: Einmal nach wochenlangen Störungen im Schlaf
durch die Kinder des Haushaltes, ohne dass die Eltern
eingegriffen hätten, einmal, nachdem der Hund
wochenlang immer wieder durch ein Kind mit einer Gabel
traktiert wurde, wieder ohne Eingreifen der Eltern,
einmal aus extremer Angst und in eine Ecke gedrängt,
und einmal gegenüber anderen Hunden zur Verteidigung
des eigenen Napfes. In jedem dieser Fälle hatten
die Beagle zuvor vielfach und in vielfältiger
defensiver Art und Weise durch ihr Verhalten gezeigt,
dass sie nicht mögen, was mit ihnen gemacht wird,
dass sie sich extrem unwohl fühlen oder dass
sie große Angst haben. Fazit aber war auch hier
wieder: Rudi sollte gehen – und zwar innerhalb
von Stunden. Jetzt hatten wir ein Problem: Nach Ungarn
zurück sollte Rudi nicht, auf eine normale Pflegestelle
oder in eine neue Familie kann ein Hund mit einer
solchen Wesensbeschreibung auch nicht sofort vermittelt
werden. Eine schnelle Entscheidung musste getroffen
werden ! Also entschieden meine Frau und ich uns,
den Hund vorübergehend in unsere Meute aufzunehmen.
Im Laufe der Jahre habe ich
etliche Beagle erfolgreich therapiert, die in unterschiedlichem
Maße ängstlich waren. Außerdem habe
ich durch meinen Beruf als Diplom – Psychologe
einige Erfahrung, was Verhaltensänderung betrifft.
Trotzdem war meine Erfahrung begrenzt, was den Umgang
mit aggressiven Hunden angeht. Vorab versicherten
wir uns deshalb der möglichen Unterbringung von
Rudi bei Michael Grewe von Canis, erfahrener und bekannter
Hundetrainer seit Jahrzehnten, und der Unterstützung
von Barbara Schöning, ehemalige Vorsitzende der
Tierärztekammer in Hamburg, Autorin mehrerer
Standardwerke über Hundeverhalten und als Trainerin
und Therapeutin in Deutschland, England und den USA
tätig. Danach organisierten wir den Transport
nach Hamburg.
Rudis Ankunft:
Nachdem Rudi sich auf dem Transport
in seiner Box ruhig und friedlich verhalten hatte,
kam er schließlich bei uns zuhause an. Ich selbst
hatte mich inzwischen vorbereitet: Die Tuchhose gegen
eine dicke Lederhose von Barbour für herbstliche
und winterliche Hundespaziergänge ausgetauscht.
Da dringt kein Beaglezahn durch ! Außerdem die
Hausschuhe gegen Knöchel hohe Arbeitsschutzschuhe
mit Stahlkappe vorn und hinten gewechselt. Falls der
Hund in die Schuhe beißt, würde ich das
nicht merken. Und mich innerlich gewappnet, dass ich
gleich angegriffen werde. Dann einmal kräftig
durchgeatmet und die Tür der Transportbox geöffnet,
aus der jetzt gleich die 15 Kg – Kampfmaschine
geifernd auf mich zu toben musste.
Und tatsächlich –
da kam er ! Ein rot – weißer Beagle -
Hänfling von 8 Kg Gewicht purzelte aus der Box
und nahm quasi sofort eine deutliche Demutshaltung
ein. Mir war nach wenigen Augenblicken klar: Dieser
Hund ist nie und nimmer bösartig und extrem aggressiv.
Also setzte ich mich neben den Hund, ohne direkten
Augenkontakt und zeigte einige hündische Beschwichtigungssignale,
z.B. lautes Gähnen. Kurz danach begann Rudi,
die Wohnung zu erkunden. Ich selbst ging immer wieder
möglichst nah an Rudi vorbei, um seine Reaktion
zu testen. Als auch hier keinerlei negative körpersprachliche
Reaktion des Hundes auf meine Annäherung erfolgte,
gab ich ihm schließlich von unten kommend meine
Hand zum Schnuppern, bevor ich Rudi schließlich
das erste Mal vorsichtig seitlich unter den Ohren
an den Wangen kraulte. Etwas später fasste ich
sanft seine Oberschenkel hinten an und kraulte ihn
dort, immer beobachtend, wie er reagiert. Dieser Hund
war absolut friedfertig. Also zog ich meine Sicherheits
-ausrüstung wieder aus und wir führten unsere
Meute (2 Beagledamen, 4 und 10 Jahre alt, und zwei
Francais Tricolore - Rüden, 4 Jahre alt) und
Rudi zusammen. Selten wurde ein Neuankömmling
in unserem Rudel so schnell aufgenommen und integriert
! Rudi erwies sich als sehr gut sozialisiert und höflich,
zeigte keinerlei Machtansprüche und erwies insbesondere
unserem großen Rüden Grobi und unserer
älteren Leithündin Püppi – Lotta,
die offensichtlich hoch erfreut war, einen älteren
Rüden kennen zu lernen statt sich immer mit dem
Jungvolk herum zu schlagen, die erforderlichen Ehrenbezeugungen.
Kurzum – dieser Hund war schlau und machte alles
richtig. Das Ergebnis war, dass er noch am selben
Abend auf dem Sofa schlafen durfte (keine Selbstverständlichkeit
!), mitten im Rudel, angekuschelt wahlweise an Grobi
oder Püppi – Lotta. Außerdem bekam
er noch am selben Abend einen neuen Namen: Pommes
– rot – weiß !, Rufname Pommes oder
Pombär oder Pommeroy.
Unseren Beratern Michael Grewe
und Barbara Schöning konnten wir noch am selben
Abend Entwarnung geben. Ein von Barbara am nächsten
Tag durchgeführter Wesenstest ergab ebenfalls,
dass Pommes auf bedrohliche Verhaltensweisen von Menschen
mit Rückzug und danach vorsichtiger Wiederannäherung
reagiert und in keinem Fall mit Aggression. Ein vom
Forschungsinstitut mit gegebener Verhaltenstest mit
Beurteilung verschiedener Persönlichkeitseigenschaften
des Hundes bestätigte (nach der Übersetzung
aus dem Ungarischen in deutsche Sprache) diese Befunde
vollkommen.
In den folgenden Tagen erwies
sich Pommes als ein sehr schlauer Hund, der schon
einige Befehle in seinem vorherigen Laborleben gelernt
hatte und sich andere Verhaltensweisen schnell von
seinen neuen Rudelmitgliedern abguckte, vornehmlich
die, die ihm Aufmerksamkeit, Streicheleinheiten und
Leckerlies bescherten. Insbesondere seine Sanftmütigkeit
und Kuschelfreude sind bemerkenswert. Innerhalb einer
Woche wuchs uns Pommes so ans Herz, dass uns Tränen
in die Augen stiegen beim Gedanken, ihn abgeben zu
müssen. Dieser Beagle ist einer von tausend,
d.h. du musst tausend Beagle kennen lernen, um einen
solch feinen Charakter zu finden. Zu unserem und zu
Pombärs Glück kam kurze Zeit später
die Nachricht, dass auch Pommes Bruder Douglas noch
ein Zuhause sucht. Dieses neue Heim hat er inzwischen
bei unseren Interessenten für einen älteren
Beagle gefunden, die offenkundig laut Rückmeldung
glücklich mit ihm sind. So hat Rudi – Pommes
lange Reise doch noch ein gutes Ende gefunden, über
das wir uns verständlicherweise sehr freuen.
Fazit:
Was habe ich gelernt aus diesem
Fall ?