
von Iris Alberts
Hundehaltung damals und heute
Gehören Sie auch zu den Ich-bin-mit-Hunden-groß-geworden-Menschen? War auch in Ihrer Kindheit ein Hund Mitglied Ihrer Familie?
Bei uns war es so. Wir lebten in einem Haus mit meinen Großeltern und die hatten einen Riesenpudel. Den gab es schon, bevor es mich gab. Unser erster eigener Hund war ein Rauhhaardackel namens Hatz, den mein Jäger-Vater für sein zweifelhaftes Hobby anschaffte. Er kam aus Holland von einem Züchter. Er zog als Welpe bei uns ein und ich habe ihn sehr geliebt. Er schlief in meinem Bett und machte uns allen viel Freude. Seinen Job machte er nicht. Er war stur und weitgehend erziehungsresistent.
Wir wohnten verkehrsberuhigt direkt am Waldrand, und es war nicht ungewöhnlich, dass Hatz auch mal alleine spazieren ging. Die meisten unserer Nachbarn hatten auch Hunde und bei ihnen war es ähnlich. Alle Hunde waren friedlich, keiner von ihnen besuchte jemals eine Hundeschule und das Equipment beschränkte sich auf Halsband, Leine, Futter- und Wassernapf und ein Körbchen. Gelegentlich gab es gekochten stinkigen Pansen, meistens Trockenfutter, in unserem Fall Frolic. Und selbstverständlich gab es Tischabfälle. Hatz erfreute sich bester Gesundheit und ich hatte nie den leisesten Zweifel daran, dass er ein glücklicher Hund war.
Irgendwann kam ein zweiter Hund, eine Deutsch Kurzhaar-Hündin, Anja. Ein sanftes, sehr freundliches Tier, dessen Halter verstorben war. Sie war für die Jagd ausgebildet und begleitete meinen Vater. Im Garten hatten wir einen Zwinger, in dem die Hunde stundenweise untergebracht wurden. Das mochte ich schon als Kind nicht und holte sie ins Haus. Als Anja starb, zog Daps, ein Drahthaar-Rüde ein, er hatte eine ähnliche Vorgeschichte wie Anja. Auch er war ein sehr angenehmes Tier.
Hatz hat alle überlebt und starb im Alter von 13 Jahren.
Die Hunde meiner Kindheit, die eigenen und die der Nachbarn, waren allesamt Einfach-so-da-Hunde. Hinter der Haltung steckte keine Ideologie, die Hunde waren nicht der einzige oder wichtigste Lebensinhalt der Menschen, die mit ihnen lebten. Sie gehörten einfach dazu. Das alles war sehr unspektakulär. Man hatte Hunde, weil man das Leben mit Hund angenehmer fand und immer war klar, dass Hunde Hunde sind und nicht dieselben Privilegien haben wie Menschen. Wenn die Familie Urlaub ohne Hund machen wollte, gingen die Hunde in eine Tierpension. Eine Diskussion mit dem Hund, wer den Platz auf der Couch zu Recht beansprucht, war undenkbar. Niemand kam jemals auf die Idee, einen Hundegeburtstag zu feiern und dennoch hatten wir zufriedene Hunde.
Es gab auch keine Kluft zwischen Hundehaltern und Nicht-Hundehaltern; man respektierte sich gegenseitig.
Es folgte eine Zeit ohne Hunde. Uni, Job und Kinder waren unvereinbar mit der Aufnahme eines Hundes.
Mehr als zehn Jahre später waren die Bedingungen dann wieder so, dass ein Hund einziehen konnte. Damit begann die Geschichte meiner eigenen Hunde. Es hat nicht lange gedauert, bis ich begriff, dass die Tatsache, dass ich mit Hunden aufgewachsen war, nicht automatisch eine Qualifikation darstellt. Was ich als Kind gelernt hatte, war, Hunden mit Empathie zu begegnen, aber nicht, sie zu erziehen. Meine erste eigene Hündin war eine Schäfermix-Hündin aus dem Tierheim mit Vorgeschichte, die man mir allerdings unterschlagen hatte. Ich hätte sie wohl auch dort gelassen, insofern bin ich ganz froh, dass ich nichts wusste. Kessy war ein wunderbarer Hund und wir entschieden uns, einen zweiten Hund zu haben und kauften einen Ridgeback beim Züchter.
Wir bemühten uns redlich, die beiden zu erziehen. Hilfe dabei hatten wir in Form von Büchern, das Ganze fand vor dem Boom der Hundeschulen und der Möglichkeit, sich im Web auszutauschen, statt.
Kurz darauf kam es in Hamburg zu dem tödlichen Beißvorfall und wenig später gab es die unsäglichen Hundeverordnungen. Spätestens da verhärteten sich die Fronten. Als Halter eines (großen) Hundes hatte man die potentielle Mordwaffe an der Leine, und Menschen, die nichts mit Hunden zu tun hatten, entwickelten eine Neigung zur Hysterie. Ein entspanntes Miteinander war kaum mehr möglich.
Inzwischen sind wieder zehn Jahre vergangen. Die Kampfhund-Diskussion ist im Sand verlaufen und dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass Hundehalter und Nichthundehalter sich näher gekommen sind.
Das liegt möglicherweise auch daran, dass sehr viele Halter, vor allem solche, die Tierschutzhunde bei sich aufnehmen, zu Übertreibungen neigen. Ich schließe mich da ausdrücklich nicht aus. Dem Wohl der Tiere wird eine Menge untergeordnet:
- Ähnlich wie Kinder werden die Hunde entsprechend ihrer mutmaßlichen Begabung gefördert und gefordert. Montags Agility, dienstags Mantrailing, mittwochs Obedience, freitags Flyball. Am Wochenende dann der zweitägige Rückruf-Workshop.
- Wir beschäftigen uns lange und ausgiebig mit dem Futter, kennen jeden Zusatz und wissen, was er bewirkt und entscheiden uns dann für BARF. Die Übelkeit angesichts der stinkenden Fleischberge nehmen wir gerne in Kauf und begutachten entzückt die deutlich kleineren und beinahe geruchsneutralen Ausscheidungen.
- Geschirre für alltags, Geschirre für sonntags, 5 Körbchen mit Matratzen unterschiedlichen Härtegrades in den Farben der Saison sind eher die Regel als die Ausnahme.
- Wenn der Hund nicht gern allein ist, bleiben die Menschen eben zu Hause und Fernreisen oder Städtetouren kommen nicht mehr in Frage, weil man dem Hund den Transport im Gepäckraum oder eine urbane Umgebung nicht zumuten kann. Willkommen in Dänemark!
- Das kleinste Zipperlein veranlasst uns, den tierärztlichen Notdienst in Anspruch zu nehmen. Apropros Tierarzt: Wer etwas auf sich hält, hat nicht nur einen gewöhnlichen Tierarzt. Es gibt einen für die Standard-Erkrankungen, der z.B. bei Durchfällen konsultiert wird. Wenn es komplizierter wird, besucht man eine Tierklinik mit den entsprechenden Spezialisten. Neben den Medizinern werden Physiotherapeuten, Homöopathen und Akkupunkteure mehr oder weniger regelmäßig aufgesucht.
- Wenn wir nicht sicher sind, unseren Hund richtig zu verstehen, wird ein Tierkommunikator zu Übersetzungszwecken eingeschaltet und erzählt uns, was wir hören möchten.
- Bekannte sind genervt, weil es neben Hunden keine anderen Themen mehr gibt. Dafür fehlt uns jedes Verständnis und Menschen, die keine Hunde in ihrer Wohnung haben möchten, werden eben nicht mehr besucht.
Als Halter eines armen Tierschutzhundes wähnt man sich auf der moralisch einwandfreien Seite. Aufkommende Zweifel bekämpft man am besten mit dem Besuch eines Internetforums, wo man sicher sein kann, dass das neu erworbene Tchibo-Hundebett euphorisch gefeiert wird. Da ist man unter sich und gehört zu den Guten.
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Nein, früher war nicht alles besser und Erinnerung verklärt ja bekanntlich. Es war gut und richtig, dass die Hundeerziehung der alten Schule ad acta gelegt wurde. Ich bin dankbar dafür, dass ich heute in meiner Nähe einen Hundetrainer finde, wenn ich allein nicht weiterkomme. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten über das Internet ist hilfreich. Trotzdem frage ich mich manchmal, was angemessen ist und den Hund Hund sein lässt und wo es anfängt, sonderbar zu werden.
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